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20/11/2009
STIMMEN DER NACHT, Method Acting am Klavier
Bettina Schröm - http://www.kultiversum.de/Musik-Partituren/

PARTITUREN Frau Kupiec, sind Sie ein Nachtmensch? 
Kupiec Nein, ein Frühaufsteher.

PARTITUREN Dennoch haben Sie einen ganz besonderen Zugang zu Chopins Nocturnes gefunden. Was bedeuten sie Ihnen?


Kupiec Die Nocturnes und die Nacht – das ist ein Aspekt, aber man darf sich darauf nicht beschränken. In diesen Stücken steckt ein weites Spektrum, das hat viel mit Melancholie zu tun, mit bestimmten Emotionen, die zum Beispiel gerade auch zu dieser dunklen Jahreszeit passen. Diese Stücke wurden abends im kleinen Kreis, in kleinen Räumen und in einer ganz bestimmten Atmosphäre gespielt.


PARTITUREN Ist es schwierig, diese Atmo­sphäre in einen Saal mit Hunderten Zuhörern zu zaubern?


Kupiec Manchmal ist das Publikum größer, aber meist spiele ich sie vor etwa 200 Leuten, da kann man schon eine intime Atmosphäre schaffen. Ich spiele ja in der Regel abends bei künstlichem Licht in einer sehr konzentrierten Atmosphäre. Und schließlich ist es meine Aufgabe, einen Zugang zu den Emotionen zu finden, die in diesen Kompositionen stecken.


PARTITUREN Was ist das Geheimnis ihrer Intimität?


Kupiec Man sollte sich Chopin als Menschen vorstellen, sich mit seiner Biographie beschäftigen. Er war ein sehr schüchterner Mann, hat nie Konzerte vor großem Publikum gegeben. Wahrscheinlich fühlte er sich gerade bei diesen Miniaturen vor vertrautem Publikum am wohlsten, da konnte er alle Emotionen ausleben, all seine klanglichen Facetten entfalten. Aber Chopin hat all das leise ausgesprochen. Es gibt zwar Ausbrüche bei ihm, aber dann nimmt er sich sofort wieder zurück.


PARTITUREN Können Sie diese Charakterzüge nachempfinden? Sind Sie ihm ähnlich?


Kupiec (lacht) Das weiß ich nicht, und es ist auch nicht so wichtig. Ich vergleiche das immer mit der Schauspielerei. Es ist wie beim „Method Acting“: Bevor man anfängt zu spielen, muss man die Emotionen des Stücks in sich finden. Man legt alles Technische beiseite – das muss so selbstverständlich sein, dass es in den Hintergrund treten kann – und sucht im Kopf und im Herzen nach dem richtigen Gefühl, nach der richtigen Vorstellung. Mit diesem Gefühl spielt man dann – und alles wird dadurch leichter. Das ist eine sehr persönliche Sache, das kann man nicht festlegen. Und das macht jede Interpretation anders, macht sie lebendig.


PARTITUREN Sich in einem solchen Maß einzufühlen, ist nicht einfach. Ist das der Grund, warum die virtuosen Stücke Chopins – Polonaisen, Etüden, Balladen – meist im Vordergrund stehen?
Kupiec Selbstverständlich. Das ist viel einfacher. Man hat da nicht die Verantwortung, sich in Emotionen zu vertiefen, die nicht immer sehr bequem sind. Denn aus dieser Welt wieder herauszukommen, ist nicht so leicht. Ich sehe das bei meinen Studenten, die haben manchmal Schwierigkeiten, wieder zu „erwachen“, wieder zu sich zu kommen. Auch da kann man den Vergleich zur Schauspielerei ziehen. Man muss lernen, in der Rolle nicht zu versinken.

PARTITUREN Welche Gefahr ist größer, zu distanziert zu spielen oder zu „romantisch“?


Kupiec Die größte Gefahr ist, dass man die Nocturnes als oberflächliche Salonmusik versteht. Viele denken, Chopin hat sich für seine romantischen Miniaturen eben eine bestimmte Form gewählt. Aber das stimmt nicht. Chopin war kein Mann, der sich nur technische oder formale Aufgaben gestellt hat. Und die Nocturnes sind nicht nur kleine melancholische Stücke. Es sind Fantasien, in denen eine ganze Palette unterschiedlicher Gefühle steckt. Die muss man selbst in sich haben, um diese Stücke spielen zu können, und eine oberflächliche Betrachtungsweise wird den feinen Nuancen nicht gerecht. Aber natürlich sind es auch immer wieder schöne Zugaben ...


PARTITUREN Wir sprechen immer von den „Nocturnes“ als Einheit. Aber es sind doch sehr unterschiedliche Kompositionen, auch aus ganz unterschiedlichen Lebensphasen Chopins. Gibt es da einen roten Faden?


Kupiec Nein, und den sollte man auch nicht suchen. Es ist mehr ein Titel für eine kurze Form, die sehr viele verschiedene Facetten haben kann. Man kann zum Beispiel die früheren nicht mit den späteren Stücken vergleichen. Zwar ist die Form oft ähnlich – ABA’ –, aber was sich in den unterschiedlichen Sätzen abspielt, da liegen Welten dazwischen. Und Chopin selbst hat sicherlich nie gedacht, dass die Nocturnes im Zusammenhang gespielt werden wie etwa die Préludes.

PARTITUREN Gibt es Sätze, die Ihnen besonders am Herzen liegen?


Kupiec Ja, die Nocturnes op. 62.


PARTITUREN Zwei Spätwerke, die nicht besonders häufig gespielt werden ...


Kupiec Leider. Sie sind von der Struktur her sehr schwierig zu erfassen. Eigentlich passt der Titel Nocturnes gar nicht mehr, es sind eher Improvisationen, sie sind enorm reich, was die künstlerische und kompositorische Arbeit betrifft. Schade, dass nur so wenige Menschen sie kennen.


PARTITUREN Chopin ist ein Landsmann von Ihnen – und auch gerade im zeitgenössischen Bereich spielen Sie sehr häufig Werke polnischer Komponisten: Lutosławski, Paderewski, Szymanowski, Szpilman, Bacewicz. Zufall oder doch Seelenverwandtschaft?


Kupiec Das wäre ja schrecklich, wenn ich mein Repertoire dem Zufall überließe. Nein, es ist mir ein Anliegen, polnische Komponisten, die in der westlichen Welt nicht sehr bekannt sind, sozusagen ans Licht zu bringen – und natürlich identifiziere ich mich mit ihnen in besonderer Weise. Aber vergessen Sie nicht: Das ist nur ein Teil meiner Persönlichkeit.


PARTITUREN Fürchten Sie, in die „polnische Schublade“ gesteckt zu werden?


Kupiec Ein bisschen schon. Die Medien haben es gerne, wenn sie einen einordnen können.


Frédéric Chopin - Sämtliche Nocturnes
Ewa Kupiec (1997)
Koch/Schwann eloquence 766 25

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