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14/12/2009
Soul searcher, the german translation
Marietheres Eicker - The Pianist
Die Seele erforschen

Nach zwanzig Sekunden am Telefon mit Ewa Kupiec merke ich: Das wird ein ernsthaftes Gespräch. Man spürt eine Sinnhaftigkeit in jedem Wort, das sie mit seidig weicher Stimme spricht, und selbst über eine Telefonleitung wirkt sie zutiefst nachdenklich und beantwortet jede meiner Fragen ausführlich. Chopins 200. Geburtstag, der im kommenden Jahr auf der ganzen Welt gefeiert wird, schien mir ein ausgesprochen guter Anlass, mit der polnischstämmigen Ewa Kupiec zu sprechen, die eng mit dessen Musik verbunden ist.
Ich beginne damit, sie nach ihren Plänen für das Jubiläumsjahr zu fragen. „Zunächst stehen drei Chopin-Programme an. Das erste heißt ‚Polnische Seele im Exil’ und steht für die erste Phase in Chopins Leben, als er sein Land verlassen hatte und seine Identität suchte. Es beinhaltet die frühen Mazurken und Polonaisen. Das zweite Programm nennt sich ‚Auf dem Zenith’. Es enthält Kompositionen, die während seiner Spitzenzeit entstanden, darunter die Fantasie f-Moll, das Scherzo op. 39 und die Ballade As-Dur op. 47. Die späten Opera 59-62 sowie die Berceuse und die Sonate h-Moll op. 58 habe ich im dritten Programm ‚Epilog’ zusammengefasst. In ihnen sucht Chopin eine neue musikalische Sprache und Ausdruck. In diese Zeit fiel ja auch seine Krankheit und die Trennung von seiner langjährigen Partnerin George Sand.“
Kupiec sagt, dass das ‚Epilog’-Programm bei den Veranstaltern am beliebtesten sei – vielleicht, weil sie diese Spätwerke für ihre neue CD aufgenommen hat. „Ich werde in ganz Europa und in Brasilien Chopin-Rezitale spielen.“ Zudem wird sie Chopins Klavierkonzerte präsentieren, bearbeitet für Streichquartett und Klavier, aber auch in der Originalfassung. „Mit dem Polnischen Rundfunkorchester gehe ich auf eine große Skandinavien-Tournee, auf der wir seine unbekannteren Werke für Klavier und Orchester, wie die ‚Fantasie über polnische Weisen’, das ‚Andante spianato’ und die ‚Grande Polonaise’ aufführen werden. Mit den Konzerten gastiere ich auch in Japan, Frankreich und so weiter. Das nächste Jahr sieht wirklich gut aus!“
Pianisten, die viel Chopin spielen, werden oft gefragt, welche Bedeutung er für sie hat. „Eine schwierige Frage,“ antwortet sie, „man kann Chopin als ein Symbol betrachten: Das musikalische Genie, der von Krankheit gezeichnete Mensch, der Komponist mit einer universellen und doch persönlichen Sprache, die Seele auf der Suche nach einer Identität, das Individuum, zerissen zwischen verschiedenen Gesellschaften und eine Person mit einem komplexen Innenleben – er war sehr schüchtern und hasste Auftritte eigentlich. Doch zugleich liebte er die Gesellschaft und ein Teil von ihr zu sein. Er war eine gespaltene Persönlichkeit. Für mich ist Chopin vor allem ein tragisches Genie. Viele finden seine Musik ‚hübsch’, doch von hübsch ist sie weit entfernt.“
‚Hübsch’ ist ein interessanter Aspekt, da viele Pianisten sagen, dass sie Chopin gerne wegen seiner ‚schönen’ Melodien spielen. Doch können Nichtfachleute Chopin gut spielen? Sollten sie ihn, mit all seinen Verzwicktheiten, den Experten überlassen? „Natürlich nicht!“, lacht Kupiec. „Einige seiner Werke wurden für Salons geschrieben, wie manche Nocturnes oder Mazurken. Also hat er nicht erwartet, dass nur professionelle Pianisten seine Werke interpretieren!“ Ich frage Kupiec, was an Chopins Musik die größte technische Herausforderung ist. Ohne Zögern antwortet sie „Es ist dieses besondere Rubato, das auf seine Weise sehr klassisch ist, wenn man an Mozart und Bach denkt, die Chopin sehr bewunderte. Doch die Interpretation darf nicht starr sein. Sie muss frei sein, aber nicht zügellos. Sie muss die subtile Emotionalität mit allen Farben und Formen des musikalischen Ausdrucks erfassen.“
Kupiec fühlt sich von den Spätwerken angezogen, in denen „eine musikalische Form – sagen wir in der Barcarolle, oder einem bestimmten Nocturne – lediglich als Vorwand zu einer Improvisation dient, die sich in einer vollkommen neu gegliederten Sprache entfaltet. Das ist sehr wichtig. Das macht sein Genie aus.“ Und die Konzerte? “Die Konzerte sind Werke eines jungen Mannes, die seine Fähigkeiten als brillianter Pianist zeigen, so wie das Konzert Nr. 1. Doch sie geben bereits den Blick auf die Melancholie und Poesie seiner späteren musikalischen Sprache frei, wie im Konzert Nr. 2.“
Für eine Konzertpianistin ist Kupiec ein „Spätzünder“. Sie wurde in Duszniki, Polen geboren und studierte am staatlichen Karol-Szymanowsky-Konservatorium in Katowice. „Ich entschied erst recht spät, mit zwölf Jahren, Pianistin zu werden, und meine Heimatstadt für diese Spezialschule – ein Internat, 300 km entfernt – zu verlassen, an der eine intensive musikalische Ausbildung angeboten wude. Davor liebte ich das Klavierspiel, doch wurde nicht von früher Kindheit an zur Pianistin ausgebildet. An der Szymanowsky-Schule begann meine nachhaltigere Ausbildung und ich genoss das. Die Frage, etwas anderes zu tun, kam mir gar nicht in den Sinn. Es war nicht einfach, denn die Zeiten in Polen waren nicht leicht. Es gab politische Unruhen. 1981, als ich 17 war, wurde der Kriegszustand verhängt. Die Musik und die Schule waren ein Zufluchtsort für uns – der Fokus auf unser Inneres. Sie ließen uns der Brutalität des täglichen Lebens entkommen.“ Sie führte ihre Ausbildung an der Karol Szymanowsky-Akademie (ebenfalls in Katowice), der Chopin-Akademie in Waschau und der Royal Academy of Music in London fort. Über ihre Londoner Zeit sagt Kupiec, „eine sehr stimulierende Zeit in meinem Schüler-Leben. Nelly Akopian war eine großartige Lehrerin.“
Es gibt weitere Mentoren, namentlich den Dirigenten Stanislaw Skrowaczewski, mit welchem sie die Chopin-Konzerte aufgenommen hat. „Er ist ein Vorbild, nicht nur musikalisch gesehen, sondern auch als Mensch. Er hat diese totale Hingabe an Qualität, in der Musik wie auch im Leben.“


Ausgewogenheit

Es ist offensichtlich, dass eine gewisse Bestimmung, Qualität und Balance für Ewa Kupiec sehr wichtig sind. „Ich suche ein ausgewogenes Leben, egal, wie schwierig dies zu erreichen ist. Was mich inspiriert, sind menschliche Beziehungen, Philosophie, Natur, Sinnsuche, und seinen Platz im Leben auf diesem Planeten zu finden.“ Und wie passt das alles mit der Wahl Deutschlands als Lebensmittelpunkt zusammen? „Meine Entscheidung, hier zu leben kam mit dem Gewinn des ARD-Musikwettbewerbs 1992 in München. Ich habe hier eine Agentur und es gab Musiker, die mir bei der Entwicklung meiner Karriere geholfen haben. Dies ist ein Land, in dem Musiker ein lebendiger Teil der Kultur sind. Ich lebe in München, einer wunderschönen Stadt.“
Sie lebt zwar in einem Land, das einige der größten Komponisten der Klassik und Romantik hervorbrachte, aber ein Blick auf ihr Repertoire zeigt Namen, die von diesen nicht weiter entfernt sein könnten: Gorecki, Szymanowsky, Lutoslawski, Paderewski, Grazyna Bacewicz und Jolivet. „Mein Ziel ist es, die Aufmerksamkeit auf die Komponisten zu lenken, die ich bewundere und von denen ich weiß, dass sie das breite Publikum eher nicht kennt. Nur eine paar dieser Komponisten sind der westlichen Zuhörerschaft ein Begriff. Der Rest bleibt marginal. Und doch sind sie in Osteuropa sehr populär. Zumindest kann ich diese Musik der Welt zugänglich machen, sie bleibt nicht ‚regional’. Mein Interesse gilt den slawischen Komponisten – das ist nicht auf Polen begrenzt.“
Kupiec setzt sich auch für zeitgenössische Musik ein. „Ich finde, dass heutezutage sehr viel interessante Musik geschrieben wird. Man muss sich nur die Mühe machen, die Komponisten zu finden und zu ergründen. Das Publikum steht dem Neuen offener gegenüber, als viele von uns denken. Das Problem, Karten zu verkaufen und keine Zuhörer zu bekommen ist eher die Sorge des Konzertveranstalters. Also scheuen vielleicht eher die Veranstalter die neue Musik. Auch einige Musiker sträuben sich gegen neue Komponisten und die Frische ihrer Musik, das hilft natürlich auch nicht weiter. Global gesehen, bietet dies der Kultur also keine Herausforderung.
Nicht nur Konzertveranstalter erbleichen angesichts ungewöhnlichen Repertoires: Plattenfirmen sind auch vorsichtig, wie Kupiec sehr wohl weiß. „Ich ging aus verschiedenen Gründen zu Solaris. Der Hauptgrund ist wohl, dass ich hier mein eigenes Vermächtnis hinterlassen kann. Ich beobachte das aus einem philosophischen Blickwinkel: Was bleibt, wenn ich sterbe? Von vielen Musikern bleibt, wenn sie diese Welt verlassen, ihre Diskographie, die formt ein bestimmtes Bild von ihnen, und das ist es dann. Ich möchte mein Image nicht ‚von außen’ geformt wissen sondern entscheiden, was ich aufnehmen möchte und wie, und so eine persönliche Aussage machen. Und ich weiß, wenn ich mal nicht mehr bin, werden mich diese Aufnahmen so zeigen, wie ich wirklich war, als Mensch und als Musikerin. Die Auswahl des Repertoires ist auch wichtig, und wie man es aufnimmt. Bei diesem Label kann ich mir Freiheit erlauben, für den Raum, für das Instrument, für meine Interpretation. Für das Ergebnis übernehme ich die volle Verantwortung. Vor ein paar Jahren begann ich mit zeitgenössischer Musik und nahm Werke auf, die für mich geschrieben wurden, und von da an wuchs es einfach weiter.“
Abgesehen von ihren Aufnahmeplänen, was hält die Zukunft für diese tiefgründige, hinreißende Pianistin bereit? Da gibt es die neue Chopin/Schubert-CD namens Żal, welche seit Oktober erhältlich ist. Dann am 3. Februar 2010 ein Rezital „Auf dem Zenith“ in der St. George’s Hall in Liverpool. Und im Juni ist sie beim St. Magnus Festival oben in Orkney, Schottland zu finden, wo sie zwei Chopin-Programme präsentieren wird.
Noch weiter vorausgeschaut, verrät Kupiec, dass sie Pläne mit der Musik des großen Johann Sebastian im Schilde führt. „Ich würde gerne mehr Bach spielen. Man braucht mehr Zeit, sie zu studieren. Eine sehr schwierige musikalische Sprache. Eine Bibel für sich!“ Doch es ist nicht nur Bach; wenn ich sie nach ihren Zielen frage, kommt eine viel tiefergehende Antwort zum Vorschein: „Mein Ziel ist es, in der Gegenwart zu leben und den Geboten verschiedener philosophischer Richtungen, mit denen ich mich beschäftige, zu folgen und zu versuchen, sie ins tägliche Leben zu integrieren. Die Idee, im Hier und Jetzt zu leben ist kein esoterisches Konzept, sondern eine Herangehenweise an die Realität. Das erfordert Verantwortung in Gedanken und Taten, an jedem einzelnen Tag. Was bringt es, zu planen und Energie zu sparen für einen Tag, der niemals kommt? Natürlich plane ich strategisch im Vorhinein, doch wenn ich nicht jeden Tag mit bedeutenden Momenten erfülle, bringt mich das ernsthaft auf. Das bezieht sich auf die Musik und mein Leben mit Musik, jeden Tag. Mein Traum ist es jedenfalls, lange zu leben und noch lange auf hohem Niveau auftreten zu können. Ich hoffe, meine Gesundheit wird es mir ermöglichen, diesen Traum in Erfüllung gehen zu lassen.“ Wenn doch nur mehr von uns solch umsichtigen Prinzipien folgen würden, wäre diese Welt ein besserer Ort.

Erica Worth
The Pianist, Dezember 2009/Januar 2010



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