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11/05/2011
Das virtuose Leben der Seele
Bernd Schellhorn - npku

Die späten Werke Frederic Chopins verlassen die gewohnten Strukturen und sind pianistische Kraftakte. Im „Epilog“ ihres Chopin- Zyklus brilliert Ewa Kupiec in Coburg mit Virtuosität.

Coburg – Bisweilen klingt es in den späten Werken von Chopin so, als ob die Themen kurz nach draußen ge- gangen wären, um vor der Tür eine Zigarette zu rauchen, während im Konzertsaal die Harmonien ein un- gezügeltes Eigenleben führen. Diese ändern sich, formen sich in chroma- tischer Modulation ständig neu und haben es einfach satt, der ordnenden Funktion zu unterstehen. Sie spielen Chamäleon und ändern lässig ihre Farben, bis endlich das Thema wie- der erscheint und sie zur Ordnung ruft. Dann tritt dessen glutvolle Seele in Erscheinung, singt sich aus dem Flügel und bei all seiner Virtuosität übersieht man den letzten blauen Rauch, der sich mit dem göttlichen Atem der wunderbaren Melodik mischt.
Klingt das nicht oft wie Jazz, fragt man sich und seine Ohren. Diese freien, fast improvisativ-virtuosen Läufe, diese Abgänge über Non-Sept- Tritonus, ist das wirklich mittleres neunzehntes Jahrhundert? Ist das Chopin? Wer kann diese Kaskaden bändigen, diese kompositorischen Kraftakte?
Ewa Kupiec kann dies. Selbst wenn sie nicht ganz gesund ist, wie sie nach dem Konzert im Coburger HUK-Foyer verrät, bewältigt sie den Kraftakt des Chopin’schen Spätwerks mit atemberaubender pianistischer Virtuosität, stilistischer Feinheit und Akkuratesse. Sie ist der Beweis dafür, dass es sich lohnt, für Chopin zu le- ben und dessen melodische Sphären und harmonische Kunststücke im Konzertsaal zu feiern.
Die Pianistin beginnt mit den „Nocturnes op. 62“, die sie mit glä- sern gespielten Kantilenen in einen wundersamen Teppich von Hall-Pe- dal einhüllt, was diesen einen fast unwirklich anmutenden Klang gibt. Es ist eine gewisse Weltabgewandt- heit in diesen filigranen Kompositio- nen zu vernehmen, die sich beson- ders dann offenbart, wenn das Tem- po nicht (zu romantisch und mit Ru- bato versehen) auseinanderfällt, son- dern – wie in der Interpretation von Ewa Kupiec – still atmet und dadurch seinen Fluss bewahrt.
„Dritte Hand“
In den folgenden „Mazurkas op. 59“ hört man Chopins tiefe Leiden- schaft für Johann Sebastian Bach und dessen Kontrapunktik. Zum Ein- spielen wählte Chopin das „Wohl- temperierte Klavier“, wobei er sich jeden Tag einen der beiden Bände ganz vornahm. Ewa Kupiec findet die kunstvollen kleinen Motive folk- loristischer Gestalt, die sich in- und miteinander verweben und die – vor allem in der fis-Moll-Mazurka – wie- derum sehr jazzig anmutenden „Turn-Arounds“ gleichen.
Dieses Spiel mit den Motiven setzt sich auch in der „Barcarole op.60“ fort. Hier hält die Pianistin links sehr strikt den Rhythmus und lässt über das Auskosten der Kontrapunktik teilweise den Eindruck entstehen, als spiele sie mit einer dritten Hand.
Die Extreme braucht die „Polonai- se-Fantasie op.61“, hier fordert Ewa Kupiec sich und den Flügel bis an die Grenzen. Neben überirdisch-leise, aus der Tastatur gezogene Pianissimi stellt sich kontrastierend ein Gewit- ter aus Fortissimo-Klängen. Aber trotz der voll ausgekosteten Dyna- mik findet die Interpretin stets die Stringenz und innere Struktur und bezirzt das Publikum, sich in der Schönheit der Melodik zu verlieren.
Ewa Kupiecs vollkommen der rei- fen Interpretation untergeordnete Technik, ihre unerschöpflichen Klangnuancen, ihr feines Atmen in- nerhalb der virtuosen Strecken und ihr diffiziler Pedalgebrauch (der stets „Raum“ oder Sphäre schafft) machen selbst einen Kraftakt wie die große „h-Moll Sonate“ zu einem Ohren- schmaus erster Güte. Kein Klang fällt aus dem Rahmen, jedes kleinste Mo- tiv steht am Platz und winkt uns aus der Masse der Harmonik zu. Wir schenken ihm ein Lächeln und leh- nen uns wohlig zurück.
Ein großer Abend mit der besten konzertierenden Chopin-Interpretin findet seinen „Epilog“. Wir zahlreichen „Fans“ geben ergriffen Beifall. 

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